Moin,
ich habe gerade meine alte Festplatte mal wieder angeschlossen und einige, wenn auch qualitativ schlechte, Bilder von meiner ersten Reise gefunden.
Damals wurde ich auf die MV Steindeich geschickt, 2006 war sie zehn Jahre alt und wurde später dann an MC Schiffahrt verkauft, fuhr noch eine Weile als Marcajama und ist dann als Marca Ende 2014 auf den Strand gefahren.
Ich bin als gelernter Elektriker 2006 meine zweite Ausbildung bei Hermann Wulff angefangen und der Inspektor meinte, wenn ich sechs Monate Afrika - Fahrt hinter mir habe, kann aus mir auch ein Seemann werden.
Somit bin ich dann nach Genua geflogen, dort mit sehr brüchigen Englischkenntnissen irgendwie an Bord gekommen und wurde vom Kapitän sogleich auf Kammer geschickt, um mich umzuziehen. Runter an die Pier, den Bootsmann gesucht und dann beim Proviant mitgeholfen. Nach Auslaufen wurde mir dann vom Bootsmann erstmal das Schiff gezeigt. Im Anschluss gab es ein Gespräch auf Brücke mit dem Alten, der mir dann die Abläufe an Bord erklärt hat. Und man war ich erstaunt! Sieben Tage arbeiten, dreimal am Tag warmes Essen, JEDEN Freitag Fisch, Samstag Eintopf und Sonntag Steak. Kaffeezeiten 1000 - 1020Uhr und 1500 - 1520Uhr! Und das wird auch genauso eingehalten! Und an Bord pfeift nur der Bootsmann oder der Wind!
Meine hervorragenden Englischkenntnisse haben sich bei der Suche nach einem Staubsauger gezeigt... Ich bin zum Bootsmann und habe nach einem "Dust sucker" gebeten, den Blick von ihm habe ich heute noch vor Augen...
Nach Genua liefen wir nach Barcelona und von dort aus ging es nach Nigeria. Und man, was habe ich mich gefreut! Das erste Mal echte Palmen, Sandstrand und blaues Meer. Dachte ich zumindest...
Einen Tag vor Einlaufen hat der Alte uns alle versammelt und uns striktes Landgangs Verbot ausgesprochen. Alle Auszubildenen durften die Gangway nicht betreten, nicht einmal Gangway - Wache sollten wir machen. Uns wurde schärfsten eingetrichtert, dass wir in keinem Fall die Pier betreten dürfen.
Mich hat das, als zu der Zeit völlig unerfahrener Mensch, sehr erstaunt, gefreut habe ich mich dennoch!
Als dann am Horizont der Strand zu sehen war, wurde aus meiner Vorfreude dezentes Entsetzen....
Aus der Mündung des Commodore Kanals kam kein blaues Wasser... Nur Dreck, Öl, Abfälle aller Art und auch hier und da tote Menschen. Umso dichter wir kamen, umso schlimmer wurde der Dreck und auch waren einige Wracks rechts und links des Weges.
Wir liefen dann in den Kanal ein und sind dann auf die Skyline von Lagos zugefahren, diese sieht aus der Ferne nicht anders aus, als die einer westlichen Großstadt, aber in dem Kanal rum waren nur Blechhütten, verfallen und kaputt. Dennoch lebten dort unzählige Menschen.
Als wir dann endlich fest waren, wurde die Gangway von den erfahrenen Männern runtergelassen und es strömten die verwahrlosten Hafenarbeiter an Bord, teilweise in Jutesäcken bekleidet. Die Arbeit ging unfassbar schleppend voran, klar, weil den Hafenarbeitern eine feste Mahlzeit pro Tag an Bord zugestanden hat und sie somit zumindest einmal täglich den Bauch gefüllt bekommen haben.
Unfassbare Zustände dort!
Beim Auslaufen einige Anläufe später wurde ich zur Flüchtlingssuche eingesetzt und musste unter den Lukendeckeln über den Containern langkrabbeln, um zwischen Bordwand und Container zu schauen, ob dort Leute versteckt sind. Einen haben wir finden können und ich kann Euch sagen, der wurde zurück an Land von seinen Leuten so verdroschen...
Auch was und wie dort gehandelt wird ist einfach unfassbar, wenn man es nicht selber gesehen hat. Dort standen Viehwagen, es kamen Leute mit Bauchläden und den verrücktesten Sachen darauf. Und auf den Viehwagen wurden nicht nur Tiere angeboten....
Ich hatte eine Zeitlang Wache auf der achteren Manöverstation, überall war unsere Mannschaft eingesetzt um Flüchtlinge abzuwehren, und habe vom Frühstück ein gekochtes Ei und einen Apfel mitgenommen. Wasser hatten wir sowieso immer ausreichend am Mann. Gegen frühen Morgen war neben dem Schiff ein kleines Boot mit zwei Kindern drauf. Die baten mit Geesten um etwas zu Essen, also habe ich kurzerhand Ei, Apfel und Wasser runtergeworfen und die beiden Kinder sind dankbar wieder losgepaddelt. Hätte ich gewusst, dass zwei Stunden später 15 Boote mit Kindern neben dem Schiff auftauchen, hätte ich es mir wohl verkniffen....
Und dass auch die sonst so unglaublich friedfertigen Philippinos mal ausrasten können, hat mir einer der Matrosen sehr nachhaltig auf der vorderen Manöverstation gezeigt. Da dort die Leinen zum hochklettern einladen, stand dort jeweils Backbord und Steuerbord einer von uns. Mitten in der Nacht holt mich der "Kollege" und deutet auf die Leine. Ich sah, dass einer der Nigerianer sich wie ein Beuteltier auf den Weg nach oben gemacht hat, wobei ich heute noch nicht weiß, wie er durch die Klüse kommen wollte. Der Kopf kam jedenfalls sehr bald durch und der Philippino hat mir gezeigt, warum die alten Maglite Taschenlampen mit vier D-Zellen so lang sind...
War eine sehr abgefahrene Reise, ohne Frage, aber am Ende bin ich weiter zur See gefahren, zum Glück aber nie wieder Westafrika!
Und Nein, nicht alle Länder sind dort so!
