Schiffe mit zwei Brücken, zwei Maschinenräumen und symetrischem Design sind in den USA häufig anzutreffen (Staten Island Ferries, Washington State Ferries oder die Cowichan-class von BC Ferries), in Europa aber doch eher selten. Bekannte Beispiele dieses Fährendesigns in Europa sind beispielsweise die Scandlines-Fähren, die neue Fusion-class von P&O oder die TESO-Fähren zur Insel Texel in Holland.
Die Koninklijke N.V. Texels Eigen Stoomboot Onderneming (TESO), zu Deutsch „Texels eigene Dampfschiffunternehmung“, betreibt seit 1907 die einzige öffentliche Fährverbindung zwischen dem nordholländischen Festlandhafen Den Helder und dem Wattenmeer-Inselhafen ’t Horntje auf Texel. Die Überfahrt über das Marsdiep dauert rund 20 Minuten. TESO ist ein gemeinnütziges Unternehmen in Besitz von etwa 3100 Aktionären, überwiegend Inselbewohnern. Die aktuelle Flotte besteht aus den beiden modernen Doppelendfähren “Texelstroom” und “Dokter Wagemaker”. Die “Texelstroom” ist das Stammschiff; die “Dokter Wagemaker” dient als Reservefähre und Verstärkungsfähre in der Hochsaison.
Die “Texelstroom” (IMO 9741918, MMSI 2448703, Rufzeichen PE9877) ist das aktuelle Flaggschiff der TESO-Reederei und gilt als eine der umweltfreundlichsten Fähren Europas. Der Rumpf wurde unter der Baunummer 344 auf der spanischen Werft LaNaval (Construcciones Navales del Norte) in Sestao/Bilbao gebaut. Die Kiellegung fand im Dezember 2014 statt, der Stapellauf erfolgte am 30. Juli 2015. Das als Doppelendfähre konzipierte Schiff wurde im April 2016 von Spanien zur Damen Shiprepair Amsterdam in Amsterdam überführt. Hier erfolgte der Endausbau. Am 18. Juni 2016 wurde das Schiff an die Reederei übergeben und im September 2016 in Dienst gestellt. Die rund 60 Mio. Euro teure “Texelstroom” ersetzte die Fähre “Schulpengat”, die im September 2018 zur Verschrottung an Galloo in Gent verkauft und Ende 2018/Anfang 2019 verschrottet wurde. Sie erhielt Auszeichnungen (u. a. Shippax Award 2017) und wird für Design und Nachhaltigkeit gelobt. Die Fahrzeugdecks sind geräumiger und für moderne, größere Autos ausgelegt; Passagierbereiche umfassen große Hallen, Buffet, Wetterdecks und einen auffälligen Kinderbereich.
Die “Texelstroom” ist 135,4 Meter lang, 27,9 Meter breit, hat eine Seitenhöhe von 12,37 Meter und einen Tiefgang von 4,40 Meter. Sie ist mit 15.483 BRZ vermessen und hat eine Tragfähigkeit von 1.685 Tonnen. Die Transportkapazität liegt bei 340 PKW, sie ist für 1.750 Passagiere zugelassen.
Die “Texelstroom” verfügt an beiden Schiffsenden über identische Maschinenraum- und Brückenanlagen. Die Maschinenanlage besteht aus zwei ABC-12DZC-Dieselmotoren und zwei ABC-12DZD-Dual-Fuel-Motoren mit einer Gesamtleistung von 7.200 kW (ca. 9790 PS), die auf vier Rolls-Royce-Azimuth-Thruster mit je 1.800 kW Leistung wirken. Die “Texelstroom” kann primär mit komprimiertem Erdgas (CNG), Diesel oder im Hybridbetrieb fahren und gilt als erste europäische Fähre mit dieser Kombination aus CNG, Batterien und Solarenergie. CNG-Betrieb startete nach Zulassungen 2017. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 15,4 Knoten (ca. 29 km/h) angegeben.
Die “Dokter Wagemaker” (IMO 9294070, MMSI 244030035, Rufzeichen PH5436) wurde 2004 von der Damen Shipyards Group gebaut. Der Rumpf wurde auf der Damen Galati Shipyard in Rumänien gefertigt und im Januar/Februar 2005 zur Fertigstellung und Endausrüstung zur ebenfalls zu Damen Shipyards gehörenden Koninklijke Schelde Groep in Vlissingen geschleppt. Getauft wurde das Schiff am 1. Juli 2005 in ’t Horntje von einer Enkelin Adriaan Wagemakers. Die Übergabe an TESO erfolgte mit leichter Verspätung am 5. September 2005. Seit Mitte September 2005 verkehrt sie im Linienverkehr nach Texel, gelegentlich unterstützt von der “Schulpengat”. Für den größeren Neubau mussten die Anleger in Den Helder und auf Texel verbreitert werden. Seit der Indienststellung der “Texelstroom” 2016 dient die “Dokter Wagemaker” vor allem als Reserveschiff und zur Verstärkung bei hohem Verkehrsaufkommen (z. B. beim sommerlichen Halbstundentakt). Sie ist an ihrem höheren Panoramadeck in der Mitte gut zu erkennen. Das Schiff wurde später u. a. mit einem verbesserten Festmachesystem und Biofuel-Optionen (HVO) modernisiert.
Die “Dokter Wagemaker” ist 130,4 Meter lang, 22,7 Meter breit, hat eine Seitenhöhe von 7,18 Meter und einen maximalen Tiefgang von 4,40 Meter. Die Fähre ist mit 13.256 BRZ vermessen und hat eine Tragfähigkeit von 1.840 Tonnen. Das Schiff verfügt über zwei Fahrzeugdecks mit jeweils 704 Spurmetern. Auf dem unteren Fahrzeugdeck stehen im mittleren Bereich fünf Pkw- bzw. vier Lkw-Fahrspuren zur Verfügung. Auf den Fahrzeugdecks ist Platz für etwa 300 Pkw. Auf den Lkw-Fahrspuren finden 30 Lkw Platz. Die Pkw-Kapazität verringert sich dann auf 200 Fahrzeuge. Die Fähre kann 1.750 Passagiere befördern. Die Zuladefähigkeit des Schiffes beträgt 1.840 Tonnen. Die Fahrzeugdecks sind über höhenverstellbare Rampen an Land erreichbar.
Oberhalb des Fahrzeugdecks befindet sich ein Deck mit den Einrichtungen für die Passagiere und einem Atrium mit einem Glasdach. Das Passagierdeck ist mit einem umlaufenden Promenadendeck versehen. Oberhalb des Passagierdecks befindet sich an beiden Enden jeweils ein darüber angeordnetes Ruderhaus. Die “Dokter Wagemaker” verfügt über vier Caterpillar Sechszylinder-Dieselmotoren Typ 3608 DI-TA mit einer Gesamtleistung von ca. 11.440 kW (ca. 15.500 PS), die auf vier elektrisch angetriebene Propellergondeln (Azimuth-Thruster) mit je 1.800 kW wirken.
Das Schiff wird mit einem Vacuumsystem an den Liegeplätzen in den Fährhäfen festgemacht. Dabei halten Saugnäpfe das Schiff in Position. Da die Motoren dadurch am Anleger abgeschaltet werden können, wird Kraftstoff eingespart. Zudem wird die Zeit für das Ausbringen und Einholen der Festmacherleinen beim An- und Ablegemanöver eingespart.